Die Bauersfrau erwartete die Kinder bereits am Hoftor, als hätte sie geahnt, dass sie kommen würden. Charlotte berichtete ihr mit klarer Stimme vom Tod der Mutter. Die Bäuerin hörte zu. Erst stand ihr der Mund offen, dann entrang sich ihr ein unverständlicher Laut. Sie verbarg das Gesicht in den Händen. Ihre Schultern zuckten. Mit Lene und Gerke hatte sie zwei verlässliche Heuerlinge verloren und nun standen zwei Kinder schutzlos vor ihr.
„Kommt hinein“, sagte sie leise. „Ihr habt sicher noch nichts gegessen.“
Sie stellte Brot, Suppe und Milch auf den Tisch. Dann fügte sie hinzu: „Ich kümmere mich um das Begräbnis, wie beim Vater. Bleibt vorerst hier. Ich gehe ins Dorf und spreche mit den Leuten.“
Die Kinder saßen lange schweigend da. Das Brot blieb unberührt, die Suppe wurde kalt. Ihre Tränen waren kaum zu hören.
Als die Bäuerin zurückkehrte, war ihr Gesicht gefasst.
„Ihr bleibt heute Nacht hier. Ich lasse euch nicht allein mit der Toten.“
Im Gesindezimmer legten sie sich auf das Strohbett und schliefen zum ersten Mal seit Wochen tief und traumlos bis es wieder hell war.
Am Morgen fuhr Charlotte hoch. „Die Ziegen. Wir müssen sie füttern.“ Hastig zog sie sich an.
Luise kam hinein, noch mit der Morgenhaube. „Wir gehen gleich zu eurem Haus. Ich habe Brot und Käse mitgenommen.“
Vor dem Haus standen bereits Männer in schwarz, gedämpfte Stimmen, Hüte in den Händen. Charlotte erkannte den Pastor, den Arzt und den Tischler. Der Mann im strengen Gehrock war ihr fremd.
Es war Amtsrat Konrad Meyering. Er begann ohne Umschweife: „Nachdem der Arzt Doktor August Buddenbohm den Tod der Lene Heinies, geborene Greve, bestätigt hat, ist festzustellen, dass für die Kinder Charlotte Heinies, geboren 1808, und Hermann Heinies, geboren 1809, ein Waisenverhältnis besteht.“
Er schlug ein Schreibbuch auf. „Wo befinden sich Geld oder Wertgegenstände im Haushalt?“
„Es gibt kein Geld“, sagte Charlotte sofort. „Wir sind arm.“
Die Männer sahen zu Hermann. Charlotte gab ihm ein Zeichen zu schweigen. „Sag nichts“, dachte sie. „Sonst nehmen sie uns noch das Letzte.“
Doch er hielt den Blicken nicht stand. Zögernd deutete er hinter das Strohbett.
Der Amtsdiener hob eine lose Diele an und zog eine kleine Holzschatulle hervor. Darin klirrten dunkle Groschen. Alles, was Lene hatte zurücklegen können.
Das Geld wurde gezählt und notiert. Dann meldeten die Anwesenden ihre Forderungen an.
Der Arzt nannte sein Honorar. Der Tischler die Kosten für Sarg und Begräbnis. Die Bäuerin verwies auf die Lehnschuld. Auch der Amtsrat setzte eine Gebühr an.
Die Schatulle leerte sich. Am Ende blieb nichts.
„Der Besitz der Kinder wird mit Null protokolliert“, erklärte der Amtsrat. „Haus und Land fallen an den Lehnsherrn Christian Kampe zurück. An beweglichem Gut verbleiben Tisch, Stühle, Kochgeschirr, drei Ziegen, einige Hühner und Vorräte.“
Er wandte sich an die Bauersfrau. „Können Sie das verwenden?“
„Ja. Die Tiere für den Hof, der Rest für das Gesinde.“
Der Amtsrat nickte. „Gibt es Verwandte?“
Der Pastor schüttelte den Kopf.
„Frau Kampe, sind Sie bereit, die Kinder aufzunehmen?“, fragte der Amtsrat.
Die Bauersfrau zögerte. „Nein. Unser Hof hat schlechte Böden. Wir sind frei, aber tragen Schulden beim alten Gut, von dem wir den Hof kauften. Selbst haben wir schon sechs Kinder“.
„Dann setze ich eine Frist von sieben Tagen. Meldet sich niemand, kommen die Kinder ins Waisenhaus.“
Das Wort Waisenhaus trieb Luise Kampe den Schrecken ins Gesicht. Bilder stiegen in ihr auf: Man munkelte von Hunger, harter Arbeit, Züchtigung und Gewalt, über die man nicht spricht. Kinder, die dort hinkamen, kehrten meistens nie zurück.
Charlotte blieb die Luft weg. Auch sie hatte schon von solchen Dingen gehört.

